Einfach klein

Liebe Frau Fritze, bitte starren Sie meine Brüste nicht an

Liebe Frau Fritze,

ich kann Ihnen nicht böse sein. Ich musste sogar ein wenig lachen, als ich Ihren Aufruf an stillende Mütter las, ihre „Brüste nicht in fremde Teller“ zu halten.

Wissen Sie, ich dachte sogar fast genau wie Sie, als ich noch keine Kinder hatte. Manche Sachen kann man sich eben NICHT vorstellen, sondern muss sie selber erleben, um wirklich zu verstehen.

Tatsache aber ist: Das Problem haben in dem Fall leider Sie.  Denn lassen Sie es mich ganz deutlich sagen: keine (!) stillende Mutter hat es darauf abgesehen, Sie beim Essen zu stören. Aber lassen Sie es mich kurz erklären:

Unsere „Spezial-Büstenhalter“ öffnen wir dann beim Essen, weil die Muttermilch nun mal das „Essen“ unserer Kinder ist. Warum sollte den Babys etwas vorenthalten werden, was Sie ganz selbstverständlich im Restaurant tun? Weil Sie den Anblick einer weiblichen Brust nicht ertragen?

Denn von „demonstrieren“ kann bei weitem keine Rede sein. Es ist nun mal aber schlicht eine Tatsache, dass ich, um das andocken zu ermöglichen, die Brust nun irgendwie freilegen muss. Dass dabei auch mal etwas mehr zu sehen ist, nun ja, kann passieren, ist aber sicher nicht beabsichtigt.

Um das „Zusammenleben zwischen Müttern und allen anderen zu vereinfachen“ bitte ich Sie, liebe Frau Fritze, drehen Sie den Kopf und schauen einfach woanders hin! Das ist wirklich ganz einfach und erreicht eine klassische Win-Win-Situation. Sie können in Ruhe essen und Mütter können in Ruhe stillen. Problem solved!

Wenn Sie etwas über Kinder wissen wollen, fragen Sie Leute, die keine haben. Die wissen das.

Viele Mütter, die erfolgreich ihr Baby stillen haben eine Menge Arbeit und (oft auch) Tränen investiert, um ihrem Kind die von der Natur vorgesehene Nahrung geben zu können. Es ist nämlich leider NICHT so, das Stillen immer einfach, unkompliziert und mit links funktioniert. Manchmal weiß frau schon nicht, wie sie das Baby halten soll, um gleichzeitig mit einer Hand den Still-BH zu öffnen und die korrekte Stillposition zu ermöglichen. Dann soll bitteschön die Brust nicht zu viel freigelegt sein, am besten noch ein Stillumhang drüber, damit bloß niemand etwas sieht. Mit der anderen Hand könnte dann noch die Stilleinlage zurechtgerückt oder in aller Ruhe (haha) das eigene Essen gegessen werden.

Wären da nicht Leute wie Sie, die komisch gucken und damit gerade Frauen, die zum ersten Mal stillen, total verunsichern.

Spätestens beim zweiten Kind, manchmal auch schon beim ersten, wenn die Stilldauer das erste Lebensjahr überschreitet, haben die allermeisten Stillmütter ein dickes Fell was Kommentare und Blicke angeht.

Und bevor Sie fragen: ja, Muttermilch ist auch nach dem ersten Geburtstag noch gesund, nährstoffreich, schlicht normale Nahrung für ein Menschenkind.

Kinder sind keine Blumentöpfe, verdammt!

Ich bin mehr als dafür, dass Mütter ihre Babys nicht wie einen Blumentopf bei der „fürsorglichen Nachbarin“ abgeben, sondern versuchen, seine Bedürfnisse so gut es geht zu erfüllen. (Nicht zuletzt zählt auch das Bedürfnis der Mutter nach körperlichem Wohlbefinden, googeln Sie mal „Milchstau“…).
Und wenn das Baby schon abgegeben werden muss, dann für wichtigere Termine als den Bummel durchs Möbelhaus…

Aus ihrem Text entnehme ich, dass Ihnen „Shitstürmchen“ nicht ganz fremd sind und Sie diese auch nicht gerade zu verhindern suchen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

Ich wünsche Ihnen keinen Shitstorm, ich wünsche Ihnen Offenheit und Toleranz. Ich wünsche Ihnen die Möglichkeit, selbst ein Kind zu stillen und dabei auf wohlwollende Mitmenschen und Blicke in Ihrer Umgebung zu treffen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie in ein paar Jahren selbst stillend bei Ikea sitzen und denken „Ich wünschte ich hätte damals gewusst, was ich heute weiß“ und sich darüber freuen, dass die Gesellschaft mittlerweile (hoffentlich) viel stillfreundlicher geworden ist.

Vielleicht schaffen Sie es sogar beim nächsten Mal, wenn Sie eine stillende Mutter sehen, ihr einen freundlichen Blick zu schenken.

Die stillenden Mütter dieser Welt -mich eingeschlossen- werden es Ihnen danken!

still leben galerieTitelbild © Markus W. Lambrecht www.skylightphotos.de

43 Kommentare zu “Liebe Frau Fritze, bitte starren Sie meine Brüste nicht an

  1. Dora Schweitzer

    Eine sehr gute Reaktion auf einen absolut intolerant verfassten Artikel der bisher kinderlosen Lilian Fritze.

    Ich persönlich plädiere ebenfalls dafür, dass das Stillen in der Öffentlichkeit WIEDER zur Normalität werden sollte, damit unsere lieben Mitmenschen (des 20.Jahrhunderts) erkennen,,, dass das Stillen unserer Kinder das Natürlichste der Welt ist.

    Weibliche Brüste sind von der Schöpfung nun mal in erster Linie dafür vorgesehen, unseren Nachwuchs zu ernähren.

    Insofern hat diese natürliche Nahrungsquelle für das Überleben der Menschheit gesorgt.

    http://www.mama-tipps.de/tipp/stillen-in-der-offentlichkeit-muss-wieder-zur-normalitat-werden.html

  2. Mama notes Blog

    Danke für den Text. Ich finde es SO ärgerlich, wie das Stillen von manchen Menschen degradiert wird. Was glauben die denn bitte, wie 1. die Menschheit bisher überlebt hat und 2. was mit den Brüsten auf all den Plakaten los ist?

    Es gibt zu dem Thema ein schönes Video “Ruin Your Day with Tits”… :D Enjoy!
    http://vimeo.com/85438519

  3. caro

    Ein großes Dankeschön. . Ich habe 5 kinder und davon 4 gestillt.. bei jedem Kind wurde die stillzeit länger und beim letzten habe ich dann 3.5 Jahre gestillt (aber dann nicht mehr öffentlich).. ich habe aber ansonsten immer u überall gestillt.. egal wo und wie.. sogar im lidl mit frisch geborenen Baby was hunger hatte.. alles möglich. . An erster Stelle steht das baby und seine Bedürfnisse. .

  4. Ruth

    Danke, dieser Antwortbrief spricht mir aus der Seele – nur hätte ich es wohl nicht geschafft, das so freundlich und trotzdem deutlich zu formulieren :-) Großartig!

  5. Anke Garba

    Sehr schön geschrieben. Als Gründerin vom Fotoprojekt Still-Leben habe ich einige merkwürdig Ansichten kennengelernt. Warum Frau nicht in der Öffentlichkeit stillen sollte und mittlerweile lache ich laut los und drehe mich um denn meistens sind es wirklich die die absolut keine Erfahrung auf dem Bereich gesammelt haben und auch ich war vor der Geburt meiner Tochter ähnlicher Meinung aber aus der Erfahrung lernt man ich wünsche ihr auch alle gute für die Zukunft das sie toleranteren Menschen begegnent wenn sie stillende Mutter ist und ihr Kind Hunger bekommt

  6. Petra Saggau

    Tolle Reaktion, einfach super formuliert.
    Ich hatte von Anfang an ein dickes Fell und stille in der Öffentlichkeit sehr selbstbewusst (meine Tochter ist 15 Monate). Und mal ehrlich, am Strand gibt es knappere Oberteile mit viel mehr Aus- bzw. Einblicke ;-)

  7. Vicky

    Die Frau ist ja Geil drauf, sie darf schön essen und unsere Babys sollen hungern bis man zu Hause ist, der Witz schlecht hin. Was macht die Frau denn,wenn mittags im Fernsehen schon Brüste gezeigt werden?! Sehr schön geschrieben, ich hätte wahrscheinlich nicht so sachlich bleiben können :-)

  8. Sandra

    Liebe Frau Fritze, wären sie so nett und würden das Essen einstellen, auch wenn sie Hunger haben, denn ich fühle mich dadurch belästigt.

  9. Julia

    Vielen Dank für diese klug und gelassen formulierte Antwort. Frau Fritzes Artikel an sich hat mich eigentlich weniger geärgert als die aufschäumende Wut, die er – selbstverständlich – provoziert hat. Warum muss Stillen so zum Streitthema (gemacht) werden? Erst am Samstag habe ich zufällig im vollen Köttbullar-Restaurant gestillt. Ob ich dabei komische Blicke geerntet habe? Keine Ahnung, ich habe nicht darauf geachtet, sondern auf meine beiden Kinder und die Freundin, die wir dort getroffen haben. Allen, die meinen formunschönen, blaugeäderten Stillbusen eklig finden, bin ich nicht böse. Aber es stimmt eben: Wegschauen ist um Vieles einfacher als sich zum Stillen verstecken.

  10. janina

    Liebe Franzi,
    Wirklich schön, amüsant und ironisch gekontert, ohne ausfallend oder beleidigend frau fritze gegenüber zu sein. Finde ich super.
    alles liebe, janina

  11. Lieschen

    Dein Brief spricht mir aus der Seele. Ich wünsche der Autorin auch mehr Toleranz. Und ich finde es schlimm, wie sehr Brüste sexualisiert werden. Jedes bunte Magazin zeigt mehr davon als 10 stillende Mütter! Ich kann ebenso nicht nachvollziehen, wie zufriedenes Schmatzen weniger akzeptabel sein soll als Kindergebrüll…kopfschüttel

    Vielen Dank!
    Ich hoffe, Du hast den Brief auch an die Redaktion geschickt!

  12. Caro

    Ganz, ganz toll geschrieben – vielen Dank! Ich befürchte zwar, Menschen wie diese sind beratungsresistent, aber Frau kanns ja mal versuchen ;)

  13. Andrea Mordasini, Bern

    Liebe Franzi :)!

    Besten Dank, das hast Du supertoll geschrieben, bin voll und ganz Deiner Meinung :)! Frau Fritzes beleidigende, intolerante, diskriminierende, mütter- und kinderfeindliche Antistillkolumne hat mich, eine zweifache Mutter, auch sehr befremdet, enttäuscht und wütend gemacht. Stillen ist doch total normal und natürlich und weder anrüchig, eklig, kriminell oder gar sexistisch. In was für einem verknorzten, verklemmten Zeitalter und was für einer prüden, doppelmoraligen Gesellschaft leben wir denn bloss, dass und wenn darüber immer wieder so kontrovers diskutiert und gestritten werden muss? Ein Baby stillt dabei ja nichts anderes als ein Grundbedürfnis – es isst und trinkt, und so wie wir Erwachsenen auch hin und wieder auswärts im Restaurant oder sonst wo. Warum sollte gerade einem Säugling dieses Recht verwehrt werden? Die meisten Frauen stillen zudem so diskret, gekonnt und geschickt, dass andere kaum etwas mitkriegen, das Kind möglichst nicht abgelenkt und gestört wird. Zudem bedeckt der Babykopf mehr oder weniger der ganze Busen, so dass dieser kaum mehr sichtbar ist. Ich habe schon viele Stillerinnen gesehen, jedoch noch nie eine, die dies total provokativ, auffällig und die ganze Brust entblössend getan hätte. Und Stillkinder habe ich auch noch nie eines trinken bzw. schmatzen gehört… Keine Mutter stillt ihr Baby in der Öffentlichkeit um im Mittelpunkt zu stehen, sich selbst zu inszenieren und eine „Show abzuziehen“. Sie ernährt schlichtweg ihr Kind – nicht mehr und nicht weniger! Auf Plakaten, in Werbung, Katalogen und im Fernsehen sind in der Regel viel mehr nackte Haut und Busen zu sehen als beim Stillen. Sein vor Hunger weinendes Kind rasch anzusetzen ist doch für alle viel angenehmer als es unnötig schreien zu lassen. Ehrlich gesagt sind mir x Stillkinder viel lieber als ein einzelner schmatzender, rülpsender Gast. Mütter, die die grösste und meiste Zeit zusammen mit ihren Kindern verbringen, haben erst recht ein Anrecht auf soziale Kontakte, auch und gerade ausserhalb der eigenen vier Wände. Und da gehören nun mal auch Restaurantbesuche mit Kindern dazu. Mamis, die sich genieren auswärts zu stillen, tun dies halt zu Hause bzw. in einem für sie geeigneten, geschützten Rahmen oder geben ihren Kleinen die daheim abgepumpte Muttermilch auswärts im Fläschchen. Ich nehme sehr gerne Rücksicht auf andere, doch ich lasse mir nicht vorschreiben, was ich wann, wie und wo mit oder ohne Kinder zu tun bzw. zu unterlassen habe, weder von anderen Eltern noch von Kinderlosen. Wer sich tatsächlich ab Stillkindern stört, soll doch einfach bitte weg- statt hinsehen. Mit etwas mehr Mit- und Füreinander statt Gegeneinander, mehr gegenseitigem Leben und leben lassen, Toleranz, Akzeptanz, Rücksicht, Respekt, Offenheit, Lockerheit, Hilfsbereitschaft und gesundem Menschenverstand auf Seiten der Kinderlosen und der Eltern wäre das Zusammenleben noch viel friedlicher, gemütlicher, harmonischer und einfacher und die leidige Stilldebatte endgültig vom Tisch!

    Alles Liebe und Gute und liebe Grüsse aus Bern

    Andrea Mordasini :)

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